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  ARKANIA SPIRIT LEBENSBERATUNG MIT DEM TAROT
  Fortsetzung
 


 

XI

Der zweite Planet war von einem Eitlen
bewohnt.
»Ah, ah, schau, schau, ein Bewunderer
kommt zu Besuch!« rief der Eitle von
weitem, sobald er des kleinen Prinzen
ansichtig wurde.
Denn für die Eitlen sind die anderen
Leute Bewunderer.
»Guten Tag«, sagte der kleine Prinz.
»Sie haben einen spaßigen Hut auf.«
»Der ist zum Grüßen«, antwortete ihm
der Eitle. »Er ist zum Grüßen, wenn man
mir zujauchzt. Unglücklicherweise kommt
hier niemand vorbei.«
»Ach ja?« sagte der kleine Prinz, der
nichts davon begriff.


»Schlag deine Hände zusammen«,
empfahl ihm der Eitle.
Der kleine Prinz schlug seine Hände
gegeneinander. Der Eitle grüßte
bescheiden, indem er seinen Hut lüftete.
Das ist unterhaltender als der Besuch
beim König, sagte sich der kleine Prinz.
Und er begann von neuem die Hände
zusammenzuschlagen. Der Eitle wieder fuhr
fort, seinen Hut grüßend zu lüften.
Nach fünf Minuten wurde der kleine
Prinz der Eintönigkeit dieses Spieles
überdrüssig:
»Und was muß man tun«, fragte er,
»damit der Hut herunterfällt?«
Aber der Eitle hörte ihn nicht. Die Eitlen
hören immer nur die Lobreden.
»Bewunderst du mich wirklich sehr?«
fragte er den kleinen Prinzen.
»Was heißt bewundern?«
»Bewundern heißt erkennen, daß ich der
schönste, der bestangezogene, der reichste
und der intelligenteste Mensch des Planeten
bin.«
»Aber du bist doch allein auf deinem
Planeten!«
»Mach mir die Freude, bewundere mich
trotzdem!«
»Ich bewundere dich«, sagte der kleine
Prinz, indem er ein bißchen die Schultern
hob, »aber wozu nimmst du das wichtig?«
Und der kleine Prinz machte sich davon.
Die großen Leute sind entschieden sehr
verwunderlich, stellte er auf seiner Reise
fest.
 

XII

Den nächsten Planeten bewohnte ein
Säufer. Dieser Besuch war sehr kurz, aber
er tauchte den kleinen Prinzen in eine tiefe
Schwermut.


»Was machst du da?« fragte er den
Säufer, den er stumm vor einer Reihe leerer
und einer Reihe voller Flaschen sitzend
antraf.
»Ich trinke«, antwortete der Säufer mit
düsterer Miene.
»Warum trinkst du?« fragte ihn der
kleine Prinz.
»Um zu vergessen«, antwortete der
Säufer.
»Um was zu vergessen?« erkundigte sich
der kleine Prinz, der ihn schon bedauerte.
»Um zu vergessen, daß ich mich
schäme«, gestand der Säufer und senkte den
Kopf.
»Weshalb schämst du dich?« fragte der
kleine Prinz, der den Wunsch hatte, ihm zu
helfen.
»Weil ich saufe!« endete der Säufer und
verschloß sich endgültig in sein
Schweigen.
Und der kleine Prinz verschwand
bestürzt.
Die großen Leute sind entschieden sehr,
sehr wunderlich, sagte er zu sich auf seiner
Reise.
 

XIII


Der vierte Planet war der des Geschäftsmannes.
Dieser Mann war so beschäftigt, daß er bei der Ankunft
der kleinen Prinzen nicht einmal den Kopf hob.
»Guten Tag«, sagte dieser zu ihm. »Ihre Zigarette ist
ausgegangen.«
»Drei und zwei ist fünf. Fünf und sieben ist zwölf.
Zwölf und drei ist fünfzehn. Guten Tag. Fünfzehn und
sieben ist zweiundzwanzig. Zweiundzwanzig und
sechs ist achtundzwanzig.
Keine Zeit, sie wieder anzuzünden. Sechsundzwanzig
und fünf ist einunddreißig. Uff! Das macht also
fünfhunderteine Million,                          sechshundertzweiundzwanzigtausendsiebenhunderteinunddreißig.«
»Fünfhundert Millionen wovon?«
»Wie? Du bist immer noch da? Fünfhunderteine Million von...ich weiß nicht mehr... ich habe so viel Arbeit! Ich bin ein
ernsthafter Mann, ich gebe mich nicht mit Kindereien ab. Zwei
und fünf ist sieben...«
»Fünfhunderteine Million wovon?« wiederholte der kleine
Prinz, der niemals in seinem Leben auf eine Frage verzichtete, die er einmal gestellt hatte.
Der Geschäftsmann hob den Kopf.


»In den vierundfünfzig Jahren, die ich auf diesem Planeten
        wohne, bin ich nur dreimal gestört worden. Das erstemal war es vor zweiundzwanzig Jahren ein Maikäfer, der von weiß Gott wo
heruntergefallen war. Er machte einen schrecklichen Lärm, und  ich habe in einer Addition vier Fehler gemacht. Das zweitemal,
vor elf Jahren, war es ein Anfall von Rheumatismus. Es fehlt mir an Bewegung. Ich habe nicht Zeit, herumzubummeln. Ich bin ein
ernsthafter Mann. Und das ist nun das drittemal! Ich sagte also, fünfhunderteine Million...«
»Millionen wovon?«
Der Geschäftsmann begriff, daß es keine Aussicht auf Frieden gab:
»Millionen von diesen kleinen Dingern, die man manchmal am Himmel sieht.«
»Fliegen?«
»Aber nein, kleine Dinger, die glänzen.«
»Bienen?«
»Aber nein. Kleine goldene Dinger, von denen die Nichtstuer träumerisch werden. Ich bin ein ernsthafter Mann. Ich habe nicht Zeit zu Träumereien.«
»Ach, die Sterne?«
»Dann sind es wohl die Sterne.«
»Und was machst du mit fünfhundert Millionen Sternen?«
»Fünfhunderteine Millionen             sechshundertzweiundzwanzigtausensiebenhunderteinunddreißig.  Ich bin ein ernsthafter Mann, ich nehme es genau.«
»Und was machst du mit diesen Sternen?«
»Was ich damit mache?«
»Ja.«
»Nichts. Ich besitze sie.«
»Du besitzt die Sterne?«
»Ja.«
»Aber ich habe schon einen König gesehen, der...«
»Könige besitzen nicht, sie 'regieren über'. Das ist etwas ganz anderes.«
»Und was hast du davon, die Sterne zu besitzen?«
»Das macht mich reich.«
»Und was hast du vom Reichsein?«
»Weitere Sterne kaufen, wenn jemand welche findet.«
Der da, sagte sich der kleine Prinz, denkt ein bißchen wie      mein Säufer. Indessen stellte er noch weitere Fragen:
»Wie kann man die Sterne besitzen?«
»Wem gehören sie?« erwiderte mürrisch der Geschäftsmann.
»Ich weiß nicht. Niemandem.«
»Dann gehören sie mir, ich habe als erster daran gedacht.«
»Das genügt?«
»Gewiß. Wenn du einen Diamanten findest, der niemandem
gehört, dann ist er dein. Wenn du eine Insel findest, die
niemandem gehört, so ist sie dein. Wenn du als erster einen
Einfall hast und du läßt ihn patentieren, so ist er dein. Und ich, ich besitze die Sterne, da niemand vor mir daran gedacht hat, sie zu besitzen.«
»Das ist wahr«, sagte der kleine Prinz. »Und was machst du  damit?«
»Ich verwalte sie. Ich zähle sie und zähle sie wieder«, sagte
der Geschäftsmann. »Das ist nicht leicht. Aber ich bin ein ernsthafter Mann.«
Der kleine Prinz war noch nicht zufrieden.
»Wenn ich eine Seidenschal habe, kann ich ihn um meinen Hals wickeln und mitnehmen. Wenn ich eine Blume habe, kann ich
meine Blume pflücken und mitnehmen. Aber du kannst die Sterne nicht pflücken!«
»Nein, aber ich kann sie in die Bank legen.«
»Was soll das heißen?«
»Das heißt, daß ich die Zahl meiner Sterne auf ein kleines
Papier schreibe. Und dann sperre ich dieses Papier in eine
Schublade.«
»Und das ist alles?«
»Das genügt.«
Das ist amüsant, dachte der kleine Prinz. Es ist fast dichterisch.
Aber es ist nicht ganz ernst zu nehmen.
Der kleine Prinz dachte über die ernsthaften Dinge völlig
anders als die großen Leute.
»Ich«, sagte er noch, »ich besitze eine Blume, die ich jeden   Tag begieße. Ich besitze drei Vulkane, die ich jede Woche kehre.
Denn ich kehre auch den Erloschenen. Man kann nie wissen. Es ist gut für meine Vulkane und gut für meine Blume, daß ich sie
besitze. Aber du bist für die Sterne zu nichts nütze...«
Der Geschäftsmann öffnete den Mund, aber er fand keine
Antwort, und der kleine Prinz verschwand.
Die großen Leute sind entschieden ganz ungewöhnlich, sagte er sich auf der Reise.

 

XIV

Der fünfte Planet war sehr sonderbar.
Er war der kleinste von allen. Es war da
gerade Platz genug für eine Straßenlaterne
und einen Laternenanzünder.
Der kleine Prinz konnte sich nicht
erklären, wozu man irgendwo im Himmel,
auf einem Planeten ohne Haus und ohne
Bewohner, eine Straßenlaterne und einen
Laternenanzünder braucht. Doch sagte er
sich:
Es kann ganz gut sein, daß dieser Mann
ein bißchen verrückt ist. Doch ist er
weniger verrückt als der König, der Eitle,
der Geschäftsmann und der Säufer. Seine
Arbeit hat wenigstens einen Sinn. Wenn er
seine Laterne anzündet, so ist es, als setze
er einen neuen Stern in die Welt, oder eine
Blume. Wenn er seine Laterne auslöscht, so
schlafen Stern oder Blume ein. Das ist eine
sehr hübsche Beschäftigung. Es ist auch
wirklich nützlich, da es hübsch ist.
Als er auf dem Planeten ankam, grüßte er
den Laternenanzünder ehrerbietig.
»Guten Tag. Warum hast Du Deine
Laterne eben ausgelöscht?«
»Ich habe die Weisung«, antwortete der
Anzünder. »Guten Tag.«
»Was ist das, die Weisung?«
»Die Weisung, meine Laterne
auszulöschen. Guten Abend.«
Und er zündete sie wieder an.
»Aber warum hast Du sie soeben wieder
angezündet?«
»Das ist die Weisung.«, antwortete der
Anzünder.
»Ich verstehe nicht«, sagte der kleine
Prinz.
»Da ist nichts zu verstehen« sagte der
Anzünder. »Die Weisung ist eben die
Weisung. Guten Tag.«
Und er löschte seine Laterne wieder aus.
Dann trocknete er sich die Stirn mit
einem rotkarierten Taschentuch.
»Ich tue da einen schrecklichen Dienst.
Früher ging es vernünftig zu. Ich löschte am
Morgen aus und zündete am Abend an. Den
Rest des Tages hatte ich zum Ausruhn und
den Rest der Nacht zum Schlafen...«
»Seit damals wurde die Weisung
geändert?«
»Die Weisung wurde nicht geändert«
sagte der Anzünder. »Das ist ja das
Trauerspiel! Der Planet hat sich von Jahr
zu Jahr schneller und schneller gedreht und
die Weisung ist die gleiche geblieben!«
»Und?«, sagte der kleine Prinz.
»Und jetzt, da er in der Minute eine
Umdrehung macht, habe ich nicht mehr eine
Sekunde Ruhe. Jede Minute zünde ich
einmal an, lösche ich einmal aus!«


»Das ist drollig! Die Tage dauern bei dir
eine Minute!«
»Das ist ganz und gar nicht drollig«,
sagte der Anzünder. »Das ist nun schon ein
Monat, daß wir miteinander sprechen.«
»Ein Monat?«
»Ja, dreißig Minuten. Dreißig Tage!
Guten Abend.«
Und er zündete seine Laterne wieder an.
Der kleine Prinz sah ihm zu, und er liebte
diesen Anzünder, der sich so treu an seine
Weisung hielt. Er erinnerte sich der
Sonnenuntergänge, die er einmal gesucht
hatte und um derentwillen er seinen Sessel
rückte. Er wollte seinem Freund
beispringen:
»Weißt du ... ich kenne ein Mittel, wie
du dich ausruhen könntest, wenn du
wolltest...«
»Ich will immer«, sagte der Anzünder.
Denn man kann treu und faul zugleich
sein. Der kleine Prinz fuhr fort:
»Dein Planet ist so klein, daß Du mit
drei Sprüngen herumkommst. Du mußt nur
langsam genug gehen, um immer in der
Sonne zu bleiben. Willst Du dich ausruhen,
dann gehst Du... und der Tag wird so lange
dauern, wie Du willst.«
»Das hat nicht viel Witz«, sagte der
Anzünder, »was ich im Leben liebe, ist der
Schlaf.«
»Dann ist es aussichtslos«, sagte der
kleine Prinz.
»Aussichtslos«, sagte der Anzünder.
»Guten Tag.«
Und er löschte seine Lampe aus.
Der, sagte sich der kleine Prinz, während
er seine Reise fortsetzte, der wird von
allen anderen verachtet werden, vom
König, vom Eitlen, vom Säufer, vom
Geschäftsmann. Dabei ist er der einzige,
den ich nicht lächerlich finde. Das kommt
vielleicht daher, weil er sich mit anderen
Dingen beschäftigt statt mit sich selbst.
Er stieß einen Seufzer des Bedauerns aus
und sagte sich noch:
Der ist der einzige, den ich zu meinem
Freund hätte machen können. Aber sein
Planet ist wirklich zu klein. Es ist nicht viel
Platz für zwei...
Was sich der kleine Prinz nicht
einzugestehen wagte war, daß er diesem
gesegneten Planeten nachtrauerte,
besonders der tausendvierhundertvierzig
Sonnenuntergänge wegen, in
vierundzwanzig Stunden!
 

XV

Der sechste Planet war zehnmal so groß. Er
war von einem alten Herrn bewohnt, der
ungeheure Bücher schrieb.
»Da schau! Ein Forscher!« rief er, als er
den kleinen Prinzen sah.
Der kleine Prinz setzte sich an den Tisch
und verschnaufte ein wenig. Er war schon
so viel gereist!
»Woher kommst Du?« fragte ihn der alte
Herr. »Was ist das für ein dickes Buch?«
sagte der kleine Prinz. »Was machen Sie
da?«
»Ich bin Geograph«, sagte der alte Herr.
»Was ist das, ein Geograph?«
»Das ist ein Gelehrter, der weiß, wo
sich die Meere, die Ströme, die Städte, die
Berge und die Wüsten befinden.«
»Das ist sehr interessant«, sagte der
kleine Prinz. »Endlich ein richtiger Beruf!«
Und er warf einen Blick auf den
Planeten des Geographen. Er hatte noch nie
einen so majestätischen Planeten gesehen.
»Er ist sehr schön, Euer Planet. Gibt es
da auch Ozeane?«
»Das kann ich nicht wissen«, sagte der
Geograph.
»Ach!« Der kleine Prinz war enttäuscht.
»Und Berge?«
»Das kann ich auch nicht wissen«, sagte
der Geograph.
»Aber ihr seid Geograph! - Und Städte
und Flüsse und Wüsten?«
»Auch das kann ich nicht wissen.«
»Aber ihr seid doch Geograph!«


»Richtig«, sagte der Geograph, »aber ich
bin nicht Forscher. Es fehlt uns gänzlich an
Forschern. Nicht der Geograph geht die
Städte, die Ströme, die Berge, die Meere,
die Ozeane und die Wüsten zählen. Der
Geograph ist zu wichtig, um
herumzustreunen. Er verläßt seinen
Schreibtisch nicht. Aber er empfängt die
Forscher. Er befragt sie und schreibt sich
ihre Eindrücke auf. Und wenn ihm die
Notizen eines Forschers beachtenswert
erscheinen, läßt der Geograph über dessen
Moralität eine amtliche Untersuchung
anstellen.«
»Warum das?«
»Weil ein Forscher, der lügt, in den
Geographiebüchern Katastrophen
herbeiführen würde. Und auch ein
Forscher, der zuviel trinkt.«
»Wie das?«, fragte der kleine Prinz.
»Weil die Säufer doppelt sehen. Der
Geograph würde dann zwei Berge
einzeichnen, wo nur ein einziger vorhanden
ist.«
»Ich kenne einen«, sagte der kleine
Prinz, »der wäre ein schlechter Forscher.«
»Das ist möglich. Doch wenn die
Moralität des Forschers gut zu sein scheint,
macht man eine Untersuchung über seine
Entdeckung.«
»Geht man nachsehen?«
»Nein. Das ist zu umständlich. Aber man
verlangt vom Forscher, daß er Beweise
liefert. Wenn es sich zum Beispiel um die
Entdeckung eines großen Berges handelt,
verlangt man, daß er große Steine
mitbringt.«
Plötzlich ereiferte sich der Geograph.
»Und du, du kommst von weit her! Du
bist ein Forscher! Du wirst mir Deinen
Planeten beschreiben!«
Und der Geograph schlug sein
Registrierbuch auf und spitzte einen
Bleistift.
Zuerst notiert man die Erzählungen der
Forscher mit Bleistift. Um sie mit Tinte
aufzuschreiben, wartet man, bis der
Forscher Beweise geliefert hat.
»Nun?« fragte der Geograph.
»Oh, bei mir zu Hause«, sagte der kleine
Prinz, »ist nicht viel los, da ist es ganz
klein. Ich habe drei Vulkane. Zwei Vulkane
in Tätigkeit und einen erloschenen. Aber
man kann nie wissen.«
»Man weiß nie«, sagte der Geograph.
»Ich habe auch eine Blume.«
»Wir schreiben Blumen nicht auf«, sagte
der Geograph.
»Warum das? Sie sind das Schönste!«
»Weil Blumen vergänglich sind.«
»Was heißt 'vergänglich'?«
»Die Geographiebücher«, entgegnete der
Geograph, »sind die wertvollsten von allen
Büchern. Sie veralten nie. Es ist sehr
selten, daß ein Berg seinen Platz wechselt.
Es ist sehr selten, daß ein Ozean seine
Wasser ausleert. Wir schreiben die ewigen
Dinge auf.«
»Aber die erloschenen Vulkane können
wieder aufwachen«, unterbrach der kleine
Prinz. »Was bedeutet 'vergänglich'?«
»Ob die Vulkane erloschen oder tätig
sind, kommt für uns aufs gleiche hinaus«,
sagte der Geograph. »Was für uns zählt, ist
der Berg. Er verändert sich nicht.«
»Aber was bedeutet 'vergänglich'?«
wiederholte der kleine Prinz, der in seinem
Leben noch nie auf eine einmal gestellte
Frage verzichtet hatte.
»Das heißt von baldigem Entschwinden
bedroht'.«
»Ist meine Blume von baldigem
Entschwinden bedroht?«
»Gewiß.«
Meine Blume ist vergänglich, sagte sich
der kleine Prinz, und sie hat nur vier
Dornen, um sich gegen die Welt zu wehren!
Und ich habe sie ganz allein zu Hause zurückgelassen!


Das war die erste Regung seiner Reue.
Aber er faßte wieder Mut.
»Was raten Sie mir, wohin ich gehen
soll?« fragte er.
»Auf den Planeten Erde«, antwortete der
Geograph, »er hat einen guten Ruf...«
Und der kleine Prinz machte sich auf und
dachte an seine Blume.

 

XVI

Der siebente Planet war also die Erde.
Die Erde ist nicht irgendein Planet! Man
zählt da hundertelf Könige, wenn man,
wohlgemerkt, die Negerkönige nicht vergißt,
siebentausend Geographen, neunhunderttausend
Geschäftsleute, siebeneinhalb Millionen Säufer,
dreihundertelf Millionen Eitle, kurz - ungefähr
zwei Milliarden erwachsene Leute.
Um euch einen Begriff von den Ausmaßen der
Erde zu geben, muß ich euch sagen, daß man vor
der Erfindung der Elektrizität dort auf allen
sechs Kontinenten zusammen eine ganze Armee von
vierhundertzweiundsechzigtausendfünfhundertelf
Laternenanzündern im Dienst hatte.
Von einiger Entfernung aus gesehen, wirkte
das prächtig. Die Bewegungen dieser Armee
waren gedrillt, wie die eines Opernballetts. Den
Reigen begannen die Anzünder der
neuseeländischen und australischen Laternen.
Hatten sie ihre Lampen angezündet, gingen sie
schlafen. Dann traten die Laternenanzünder von
China und Sibirien zum Tanze an. Auch sie
verschwanden hinter den Kulissen. Dann kamen
die russischen und indischen Laternenanzünder
an die Reihe. Dann die von Afrika und Europa.
Dann die von Südamerika. Dann die von
Nordamerika. Und niemals irrten sie sich in der
Reihenfolge ihres Auftritts. Es war großartig.
Nur der Anzünder der einzigen Laterne am
Nordpol und sein Kollege von der einzigen
Laterne am Südpol führten ein Leben voll
Müßiggang und Gemütlichkeit: sie arbeiteten
zweimal im Jahr.
 

XVII

Will man geistreich sein, dann kommt es
vor, daß man ein bißchen aufschneidet. Ich
war nicht ganz aufrichtig, als ich euch von
den Laternenanzündern erzählte. Ich laufe
Gefahr, denen, die unseren Planeten nicht
kennen, ein falsches Bild von ihm zu geben.
Die Menschen benutzen nur sehr wenig
Raum auf der Erde. Wenn die zwei
Milliarden Einwohner, die die Erde
bevölkern, sich aufrecht und ein bißchen
gedrängt hinstellten, wie bei einer
Volksversammlung etwa, kämen sie auf
einem öffentlichen Platz von zwanzig
Meilen Länge und zwanzig Meilen Breite
leicht unter. Man könnte die Menschheit auf
der geringsten kleinen Insel des Pazifischen
Ozeans zusammenpferchen.
Die großen Leute werden Euch das
freilich nicht glauben. Sie bilden sich ein,
viel Platz zu brauchen. Sie nehmen sich
wichtig wie Affenbrotbäume. Gebt ihnen
also den Rat, sich's auszurechnen. Sie
beten die Zahlen an, das wird ihnen
gefallen. Aber ihr sollt Eure Zeit nicht
damit verlieren. Es ist zwecklos. Ihr habt
Vertrauen zu mir.
Einmal auf der Erde, wunderte sich der
kleine Prinz, niemanden zu sehen. Er
fürchtete schon, sich im Planeten geirrt zu
haben, als ein mondfarbener Ring sich im
Sande bewegte.
»Gute Nacht«, sagte der kleine Prinz aufs
Geratewohl.
»Gute Nacht«, sagte die Schlange.
»Auf welchen Planeten bin ich
gefallen?« fragte der kleine Prinz.
»Auf die Erde, du bist in Afrika«,
antwortete die Schlange.
»Ah! ... es ist also niemand auf der
Erde?«
»Hier ist die Wüste. In den Wüsten ist
niemand. Die Erde ist groß« sagte die
Schlange.
Der kleine Prinz setzte sich auf einen
Stein und hob die Augen zum Himmel.
»Ich frage mich«, sagte er, »ob die
Sterne leuchten, damit jeder eines Tages
den seinen wiederfinden kann. Schau
meinen Planeten an. Er steht gerade über
uns... Aber wie weit ist er fort!«


»Er ist schön«, sagte die Schlange. »Was
willst Du hier machen?«
»Ich habe Schwierigkeiten mit einer
Blume«, sagte der kleine Prinz.
»Ah!« sagte die Schlange.
Und sie schwiegen.
»Wo sind die Menschen?« fuhr der
kleine Prinz endlich fort. »Man ist ein
bißchen einsam in der Wüste...«
»Man ist auch bei den Menschen
einsam«, sagte die Schlange.
Der kleine Prinz sah sie lange an.
»Du bist ein drolliges Tier«, sagte er
schließlich, »dünn wie ein Finger...«
»Aber ich bin mächtiger als der Finger
eines Königs«, sagte die Schlange.
Der kleine Prinz mußte lächeln.
»Du bist nicht sehr mächtig ... Du hast
nicht einmal Füße ... Du kannst nicht einmal
reisen ...«
»Ich kann Dich weiter bringen als ein
Schiff«, sagte die Schlange. Sie rollte sich
um den Knöchel des kleinen Prinzen wie
ein goldenes Armband.
»Wen ich berühre, den gebe ich der Erde
zurück, aus der er hervorgegangen ist«,
sagte sie noch. »Aber Du bist rein, du
kommst von einem Stern...«
Der keine Prinz antwortete nichts.
»Du tust mir leid auf dieser Erde aus
Granit, du, der du so schwach bist. Ich kann
dir eines Tages helfen, wenn Du dich zu
sehr nach Deinem Planeten sehnst. Ich kann ...«
»Oh, ich habe sehr gut verstanden« sagte
der kleine Prinz, »aber warum sprichst Du
immer in Rätseln?«
»Ich löse sie alle«, sagte die Schlange.
Und sie schwiegen.
 

XVIII

Der kleine Prinz durchquerte die Wüste und
begegnete nur einer Blume mit drei
Blütenblättern, einer ganz armseligen
Blume...
»Guten Tag«, sagte der kleine Prinz.
»Guten Tag«, sagte die Blume.


»Wo sind die Menschen?« fragte höflich
der kleine Prinz.
Die Blume hatte eines Tages eine
Karawane vorüberziehen sehen.
»Die Menschen? Es gibt, glaube ich,
sechs oder sieben. Ich habe sie vor Jahren
gesehen. Aber man weiß nie, wo sie zu
finden sind. Der Wind verweht sie. Es
fehlen ihnen die Wurzeln, das ist sehr übel
für sie.«
»Adieu«, sagte der kleine Prinz
»Adieu«, sagte die Blume.
 

XIX

Der kleine Prinz stieg auf einen hohen
Berg. Die einzigen Berge, die er kannte,
waren die drei Vulkane, und sie reichten
nur bis an die Knie, und den erloschenen
Vulkan benutze er als Schemel.
Von einem Berg so hoch wie der da,
sagte er sich, werde ich mit einemmal den
ganzen Planeten und alle Menschen sehen...
Aber er sah nichts als die Nadeln spitziger
Felsen.


»Guten Tag«, sagte er aufs Geratewohl.
»Guten Tag... Guten Tag... Guten Tag...«,
antwortete das Echo.
»Wer bist Du?«, sagte der kleine Prinz.
»Wer bist Du... Wer bist Du... Wer bist
Du...?«, antwortete das Echo.
»Seid meine Freunde, ich bin allein«,
sagte er.
»Ich bin allein... allein...
allein...«antwortete das Echo.
Was für ein merkwürdiger Planet! dachte
er da. Er ist ganz trocken, voller Spitzen
und ganz salzig. Und den Menschen fehlt es
an Phantasie. Sie wiederholen, was man
ihnen sagt... Zu Hause hatte ich eine Blume:
Sie sprach immer zuerst...
 

XX

Aber nachdem der kleine Prinz lange über
den Sand, die Felsen und den Schnee
gewandert war, geschah es, daß er endlich
eine Straße entdeckte. Und die Straßen
führen zu Menschen.
»Guten Tag«, sagte er.
Da war ein blühender Rosengarten.
»Guten Tag«, sagten die Rosen.


Der kleine Prinz sah sie an. Sie glichen
alle seiner Blume.
»Wer seid ihr?« fragte er sie höchst
erstaunt.
»Wir sind Rosen«, sagten die Rosen.
»Ach!« sagte der kleine Prinz...
Und er fühlte sich sehr unglücklich.
Seine Blume hatte ihm erzählt, daß sie auf
der ganzen Welt einzig in ihrer Art sei. Und
siehe!, da waren fünftausend davon, alle
gleich, in einem einzigen Garten!
Sie wäre sehr böse, wenn sie das sähe,
sagte er sich... Sie würde fürchterlich
husten und so tun, als stürbe sie, um der
Lächerlichkeit zu entgehen. Und ich müßte
wohl so tun, als pflegte ich sie, denn sonst
ließe ich sie wirklich sterben, um auch
mich zu beschämen...
Dann sagte er sich noch: Ich glaubte, ich
sei reich durch eine einzigartige Blume,
und ich besitze nur eine gewöhnliche Rose.
Sie und meine drei Vulkane, die mir bis ans
Knie reichen und von denen einer vielleicht
für immer verloschen ist, das macht aus mir
keinen sehr großen Prinzen... Und er warf
sich ins Gras und weinte.


XXI

In diesem Augenblick erschien der Fuchs:
»Guten Tag«, sagte der Fuchs.
»Guten Tag«, antwortete höflich der
kleine Prinz, der sich umdrehte, aber nichts
sah.
»Ich bin da«, sagte die Stimme, »unter
dem Apfelbaum...«
»Wer bist du?« sagte der kleine Prinz.
»Du bist sehr hübsch...«
»Ich bin ein Fuchs«, sagte der Fuchs.


»Komm und spiel mit mir«, schlug ihm
der kleine Prinz vor. »Ich bin so traurig...«
»Ich kann nicht mit dir spielen«, sagte
der Fuchs. »Ich bin noch nicht gezähmt!«
»Ah, Verzeihung!« sagte der kleine
Prinz.
Aber nach einiger Überlegung fügte er
hinzu:
»Was bedeutet das: 'zähmen'?«
»Du bist nicht von hier, sagte der Fuchs,
»was suchst du?«
»Ich suche die Menschen«, sagte der
kleine Prinz. »Was bedeutet 'zähmen'?«
»Die Menschen«, sagte der Fuchs, »die
haben Gewehre und schießen. Das ist sehr
lästig. Sie ziehen auch Hühner auf. Das ist
ihr einziges Interesse. Du suchst Hühner?«
»Nein«, sagte der kleine Prinz, »ich
suche Freunde. Was heißt 'zähmen'?«
»Das ist eine in Vergessenheit geratene
Sache«, sagte der Fuchs. »Es bedeutet:
sich 'vertraut machen'.«
»Vertraut machen?«
»Gewiß«, sagte der Fuchs. »Du bist für
mich noch nichts als ein kleiner Knabe, der
hunderttausend kleinen Knaben völlig
gleicht. Ich brauche dich nicht, und du
brauchst mich ebensowenig. Ich bin für
dich nur ein Fuchs, der hunderttausend
Füchsen gleicht. Aber wenn du mich
zähmst, werden wir einander brauchen. Du
wirst für mich einzig sein in der Welt. Ich
werde für dich einzig sein in der Welt...«
»Ich beginne zu verstehen«, sagte der
kleine Prinz. »Es gibt eine Blume... ich
glaube, sie hat mich gezähmt...«
»Das ist möglich«, sagte der Fuchs.
»Man trifft auf der Erde alle möglichen
Dinge...«
»Oh, das ist nicht auf der Erde«, sagte
der kleine Prinz.
Der Fuchs schien sehr aufgeregt:
»Auf einem anderen Planeten?«
»Ja.«
»Gibt es Jäger auf diesem Planeten?«
»Nein.«
»Das ist interessant! Und Hühner?«
»Nein.«
»Nichts ist vollkommen!« seufzte der
Fuchs.
Aber der Fuchs kam auf seinen
Gedanken zurück:
»Mein Leben ist eintönig. Ich jage
Hühner, die Menschen jagen mich. Alle
Hühner gleichen einander, und alle
Menschen gleichen einander. Ich langweile
mich also ein wenig. Aber wenn du mich
zähmst, wird mein Leben wie durchsonnt
sein. Ich werde den Klang deines Schrittes
kennen, der sich von allen andern
unterscheidet. Die anderen Schritte jagen
mich unter die Erde. Der deine wird mich
wie Musik aus dem Bau locken.


Und dann schau! Du siehst da drüben die
Weizenfelder? Ich esse kein Brot. Für
mich ist der Weizen zwecklos. Die
Weizenfelder erinnern mich an nichts. Und
das ist traurig. Aber du hast
weizenblondes Haar. Oh, es wird
wunderbar sein, wenn du mich einmal
gezähmt hast! Das Gold der Weizenfelder
wird mich an dich erinnern. Und ich werde
das Rauschen des Windes im Getreide
liebgewinnen.«
Der Fuchs verstummte und schaute den
Prinzen lange an:
»Bitte... zähme mich!« sagte er.
»Ich möchte wohl«, antwortete der
kleine Prinz, »aber ich habe nicht viel Zeit.
Ich muß Freunde finden und viele Dinge
kennenlernen.«
»Man kennt nur die Dinge, die man
zähmt«, sagte der Fuchs. »Die Menschen
haben keine Zeit mehr, irgend etwas
kennenzulernen. Sie kaufen sich alles fertig
in den Geschäften. Aber da es keine
Kaufläden für Freunde gibt, haben die
Leute keine Freunde mehr. Wenn du einen
Freund willst, so zähme mich!«
»Was muß ich da tun?« sagte der kleine
Prinz.
»Du mußt sehr geduldig sein«,
antwortete der Fuchs. »Du setzt dich zuerst
ein wenig abseits von mir ins Gras. Ich
werde dich so verstohlen, so aus dem
Augenwinkel anschauen, und du wirst
nichts sagen. Die Sprache ist die Quelle
der Mißverständnisse. Aber jeden Tag
wirst du dich ein bißchen näher setzen
können...«
Am nächsten Morgen kam der kleine
Prinz zurück.
»Es wäre besser gewesen, du wärst zur
selben Stunde wiedergekommen«, sagte
der Fuchs. »Wenn du zum Beispiel um vier
Uhr nachmittags kommst, kann ich um drei
Uhr anfangen, glücklich zu sein. Je mehr
die Zeit vergeht, um so glücklicher werde
ich mich fühlen. Um vier Uhr werde ich
mich schon aufregen und beunruhigen; ich
werde erfahre, wie teuer das Glück ist.
Wenn du aber irgendwann kommst, kann
ich nie wissen, wann mein Herz da sein
soll... Es muß feste Bräuche geben.«
»Was heißt 'fester Brauch'?«, sagte der
kleine Prinz.
»Auch etwas in Vergessenheit
Geratenes«, sagte der Fuchs. »Es ist das,
was einen Tag vom andern unterscheidet,
eine Stunde von den andern Stunden. Es
gibt zum Beispiel einen Brauch bei meinen
Jägern.


Sie tanzen am Donnerstag mit dem
Mädchen des Dorfes. Daher ist der
Donnerstag der wunderbare Tag. Ich gehe
bis zum Weinberg spazieren. Wenn die
Jäger irgendwann einmal zum Tanze
gingen, wären die Tage alle gleich und ich
hätte niemals Ferien.«
So machte denn der kleine Prinz den
Fuchs mit sich vertraut. Und als die Stunde
des Abschieds nahe war:
»Ach!« sagte der Fuchs, »ich werde
weinen.«
»Das ist deine Schuld«, sagte der kleine
Prinz, »ich wünschte dir nichts Übles, aber
du hast gewollt, daß ich dich zähme...«
»Gewiß«, sagte der Fuchs.
»Aber nun wirst du weinen!« sagte der
kleine Prinz.
»Bestimmt«, sagte der Fuchs.
»So hast du nichts gewonnen!«
»Ich habe«, sagte der Fuchs, »die Farbe
des Weizens gewonnen.«
Dann fügte er hinzu:
»Geh die Rosen wieder anschauen. Du
wirst begreifen, daß die deine einzig ist in
der Welt.
Du wirst wiederkommen und mir adieu
sagen, und ich werde dir ein Geheimnis
schenken.«
Der kleine Prinz ging, die Rosen
wiederzusehen:
»Ihr gleicht meiner Rose gar nicht, ihr
seid noch nichts«, sagte er zu ihnen.
»Niemand hat sich euch vertraut gemacht
und auch ihr habt euch niemandem vertraut
gemacht. Ihr seid, wie mein Fuchs war.
Der war nichts als ein Fuchs wie
hunderttausend andere. Aber ich habe ihn
zu meinem Freund gemacht, und jetzt ist er
einzig in der Welt.«
Und die Rosen waren sehr beschämt.
»Ihr seid schön, aber ihr seit leer«,
sagte er noch. »Man kann für euch nicht
sterben. Gewiß, ein Irgendwer, der
vorübergeht, könnte glauben, meine Rose
ähnle euch. Aber in sich selbst ist sie
wichtiger als ihr alle, da sie es ist, die ich
begossen habe. Da sie es ist, die ich unter
den Glassturz gestellt habe. Da sie es ist,
die ich mit dem Wandschirm geschützt
habe. Da sie es ist, deren Raupen ich
getötet habe (außer den zwei oder drei um
der Schmetterlinge willen). Da sie es ist,
die ich klagen oder sich rühmen gehört
habe oder auch manchmal schweigen. Da
es meine Rose ist.«
Und er kam zum Fuchs zurück:
»Adieu«, sagte er...
»Adieu«, sagte der Fuchs. »Hier mein
Geheimnis. Es ist ganz einfach: man sieht
nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche
ist für die Augen unsichtbar.«
»Das Wesentliche ist für die Augen
unsichtbar«, wiederholte der kleine Prinz,
um es sich zu merken.
»Die Zeit, die du für deine Rose
verloren hast, sie macht deine Rose so
wichtig.«
»Die Zeit, die ich für meine Rose
verloren habe...«, sagte der kleine Prinz,
um es sich zu merken.
»Die Menschen haben diese Wahrheit
vergessen«, sagte der Fuchs. »Aber du
darfst sie nicht vergessen. Du bist
zeitlebens für das verantwortlich, was du
dir vertraut gemacht hast. Du bist für deine
Rose verantwortlich...«
»Ich bin für meine Rose
verantwortlich...«, wiederholte der kleine
Prinz, um es sich zu merken.
 

XXII

Guten Tag«, sagte der kleine Prinz.
»Guten Tag«, sagte der Weichensteller.
»Was machst du da?« sagte der kleine Prinz.
»Ich sortiere die Reisenden nach Tausenderpaketen«,
sagte der Weichensteller. »Ich schicke die Züge, die sie
fortbringen, bald nach rechts, bald nach links.«
Und ein lichterfunkelnder Schnellzug, grollend wie der
Donner, machte das Weichenstellerhäuschen
erzittern. »Sie haben es sehr eilig«, sagte der kleine Prinz,
»Wohin wollen sie?«
»Der Mann von der Lokomotive weiß es selbst nicht«,
sagte der Weichensteller.
»Das wechselt.«
»Waren sie nicht zufrieden dort, wo sie waren?«
»Man ist nicht zufrieden dort, wo man ist«, sagte der
Weichensteller.
Und es rollte der Donner eines dritten funkelnden
Schnellzuges vorbei.
»Verfolgen diese die ersten Reisenden?«, fragte der kleine
Prinz.
»Sie verfolgen gar nichts«, sagte der Weichensteller.
»Sie schlafen da drinnen oder sie gähnen auch. Nur die
Kinder drücken ihre Nasen gegen die Fensterscheiben.«
»Nur die Kinder wissen, wohin sie wollen«, sagte der
kleine Prinz.
»Sie wenden ihre Zeit an eine Puppe aus Stoff-Fetzen, und
die Puppe wird ihnen sehr wertvoll, und wenn man sie
ihnen wegnimmt, weinen sie ...«
»Sie haben es gut«, sagte der Weichensteller.

XXIII

Guten Tag«, sagte der kleine Prinz.
»Guten Tag«, sagte der Händler.
Er handelte mit höchst wirksamen, durststillenden Pillen. Man
schluckt jede Woche eine und spürt überhaupt kein Bedürfnis mehr,
zu trinken.
»Warum verkaufst du das?« sagte der kleine Prinz.
»Das ist eine große Zeitersparnis«, sagte der Händler. »Die
Sachverständigen haben Berechnungen angestellt. Man erspart
dreiundfünfzig Minuten in der Woche.«
»Und was macht man mit diesen dreiundfünfzig Minuten?«
»Man macht damit, was man will ...«
»Wenn ich dreiundfünfzig Minuten übrig hätte", sagte der kleine
Prinz, »würde ich ganz gemächlich zu einem Brunnen laufen ...«
 

       XXIV

Es war am achten Tage nach meiner Panne in der Wüste und ich
hörte gerade die Geschichte vom Pillenverkäufer, als ich den letzten
Tropfen meines Wasservorrates trank:
»Ach«, sagte ich zum kleinen Prinzen, »deine Erinnerungen sind
ganz hübsch, aber ich habe mein Flugzeug noch nicht repariert, habe
nichts mehr zu trinken und wäre glücklich, wenn auch ich ganz
gemächlich zu einem Brunnen gehen könnte!«
»Mein Freund, der Fuchs«, sagte er ...
»Mein kleines Kerlchen, es handelt sich nicht mehr um den
Fuchs!«
»Warum?«
»Weil man vor Durst sterben wird ...«
Er verstand meinen Einwand nicht, er antwortete:
»Es ist gut einen Freund zu haben, selbst wenn man sterben muß.
Ich bin froh, daß ich einen Fuchs zum Freunde hatte ...«
Er ermißt die Gefahr nicht, sagte ich mir. Er hat nie Hunger, nie
Durst. Ein bißchen Sonne genügt ihm ...
Aber er sah mich an und antwortete auf meine Gedanken:
»Ich habe auch Durst ... suchen wir einen Brunnen ...«
Ich machte eine Gebärde der Hoffnungslosigkeit: es ist sinnlos auf
gut Glück in der Endlosigkeit der Wüste einen Brunnen zu suchen.
Dennoch machten wir uns auf den Weg.
Als wir stundenlang schweigend dahingezogen waren, brach die
Nacht herein, und die Sterne begannen zu leuchten. Ich sah sie wie
im Traum, ich hatte ein wenig Fieber vor Durst. Die Worte des
kleinen Prinzen tanzten durch mein Bewußtsein:
»Du hast also auch Durst?« fragte ich ihn.
Er antwortete nicht auf meine Frage. Er sagte einfach:
»Wasser kann auch gut sein für das Herz ...«
Ich verstand seine Worte nicht, aber ich schwieg ... Ich wußte gut,
daß man ihn nicht fragen durfte.
Er war müde. Er setzte sich. Ich setzte mich neben ihn. Und nach
einem Schweigen sagte er noch:
»Die Sterne sind schön, weil sie an eine Blume erinnern, die man
nicht sieht ...«
Ich antwortete: »Gewiß«, und betrachtete schweigend die Falten
des Sandes unter dem Monde.
»Die Wüste ist schön, fügte er hinzu ...«
Und das war wahr. Ich habe die Wüste immer geliebt. Man setzt sich
auf eine Sanddüne. Man sieht nichts. Man hört nichts. Und
währenddessen strahlt etwas in der Stille.
»Es macht die Wüste schön«, sagte der kleine Prinz, »daß sie
irgendwo einen Brunnen birgt.«
Ich war überrascht, dieses geheimnisvolle Leuchten des Sandes
plötzlich zu verstehen. Als ich ein kleiner Knabe war, wohnte ich in
einem alten Haus, und die Sage erzählte, daß darin ein Schatz
versteckt sei. Gewiß, es hat ihn nie jemand gesucht. Aber er
verzauberte dieses ganze Haus. Mein Haus barg ein Geheimnis auf
dem Grunde seines Herzens ...
»Ja«, sagte ich zum kleinen Prinzen, »ob es sich um das Haus,
um die Sterne oder um die Wüste handelt, was ihre Schönheit
ausmacht, ist unsichtbar!«
»Ich bin froh«, sagte er, »daß du mit meinem Fuchs
übereinstimmst.«
Da der kleine Prinz einschlief, nahm ich ihn in meine Arme und
machte mich wieder auf den Weg. Ich war bewegt. Mir war, als
trüge ich ein zerbrechliches Kleinod. Es schien mir sogar, als gäbe
es nichts Zerbrechlicheres auf der Erde. Ich betrachtete im Mondlicht
diese blasse Stirn, diese geschlossenen Augen, diese im Winde
zitternde Haarsträhne, und ich sagte mir: Was ich da sehe, ist nur
eine Hülle. Das Eigentliche ist unsichtbar ...
Da seine halbgeöffneten Lippen ein halbes Lächeln andeuteten,
dachte ich mir auch: Was mich an diesem kleinen eingeschlafenen
Prinzen so sehr rührt, ist seine Treue zu seiner Blume, ist das Bild
einer Rose, das ihn durchstrahlt wie die Flamme einer Lampe, selbst
wenn er schläft ... Und er kam mir noch zerbrechlicher vor als bisher.
Man muß die Lampen sorgsam schützen: ein Windstoß kann sie zum
Verlöschen bringen ...
Und während ich so weiterging, entdeckte ich bei Tagesanbruch
den Brunnen.

 

XXV

Die Leute«, sagte der kleine Prinz, »schieben sich in die
Schnellzüge, aber sie wissen gar nicht, wohin sie fahren wollen.
Nachher regen sie sich auf und drehen sich im Kreis ...«
Und er fügte hinzu:
»Das ist nicht der Mühe wert ...«
Der Brunnen, den wir erreicht hatten, glich nicht den Brunnen der
Sahara. Die Brunnen der Sahara sind einfache, in den Sand
gegrabene Löcher. Dieser da glich einem Dorfbrunnen. Aber es war
keinerlei Dorf da, und ich glaubte zu träumen.
»Das ist merkwürdig«, sagte ich zum kleinen Prinzen, »alles ist
bereit: die Winde, der Kübel und das Seil ...«
Er lachte, berührte das Seil, ließ die Rolle spielen. Und die Rolle
knarrte wie ein altes Windrad, wenn der Wind lange geschlafen hat.
»Du hörst«, sagte der kleine Prinz, »wir wecken diesen Brunnen
auf, und er singt ...«


Ich wollte nicht, daß er sich abmühte:
»Laß mich das machen«, sagte ich zu ihm, »das ist zu schwer für
dich.«
Langsam hob ich den Kübel bis zum Brunnenrand. Ich stellte ihn
dort schön aufrecht. In meinen Ohren war noch immer der Gesang
der Zugwinde, und im Wasser, das noch zitterte, sah ich die Sonne
zittern.
»Ich habe Durst nach diesem Wasser«, sagte der kleine Prinz,
»gib mir zu trinken ...«
Und ich verstand, was er gesucht hatte.
Ich hob den Kübel an seine Lippen. Er trank mit geschlossenen
Augen. Das war süß wie ein Fest. Dieses Wasser war etwas ganz
anderes als ein Trunk. Es war entsprungen aus dem Marsch unter
den Sternen, aus dem Gesang der Rolle, aus der Mühe meiner
Arme. Es war gut fürs Herz, wie ein Geschenk. Genau so machten,
als ich ein Knabe war, die Lichter des Christbaums, die Musik der
Weihnachtsmette, die Sanftmut des Lächelns den eigentlichen Glanz
der Geschenke aus, die ich erhielt.
»Die Menschen bei dir zu Hause«, sagte der kleine Prinz,
»züchten fünftausend Rosen in ein und demselben Garten ...und
doch finden sie dort nicht, was sie suchen ...«
»Sie finden es nicht«, antwortete ich ...
»Und dabei kann man das, was sie suchen, in einer einzigen Rose
oder in ein bißchen Wasser finden ...«
»Ganz gewiß«, antwortete ich.
Und der kleine Prinz fügte hinzu:
»Aber die Augen sind blind. Man muß mit dem Herzen suchen.«
Ich hatte getrunken. Es atmete sich wieder gut. Der Sand hat bei
Tagesanbruch die Farbe des Honigs. Auch über diese Honigfarbe
war ich glücklich. Warum mußte ich Kummer haben ...
»Du mußt dein Versprechen halten«, sagte sanft der kleine Prinz,
der sich wieder zu mir gesetzt hatte.
»Welches Versprechen«
»Du weißt, einen Maulkorb für mein Schaf ...Ich bin verantwortlich
für diese Blume!«
Ich nahm meine Skizzen aus der Tasche. Der kleine Prinz sah sie
und sagte lachend:
»Deine Affenbrotbäume schauen ein bißchen wie Kohlköpfe aus...«
»Oh!«
Und ich war auf die Affenbrotbäume so stolz gewesen!
»Dein Fuchs ...seine Ohren ...sie schauen ein wenig wie Hörner
aus ...sie sind viel zu lang!«
Und er lachte wieder.
»Du bist ungerecht, kleines Kerlchen, ich konnte nichts zeichnen
als geschlossene und offene Riesenschlangen!«
»Oh! Es wird schon gehn«, sagte er, »die Kinder wissen ja
Bescheid.«
Ich kritzelte also einen Maulkorb hin. Und das Herz krampfte sich
mir zusammen, als ich ihn dem kleinen Prinzen gab:
»Du hast Pläne, von denen ich nichts weiß ...«
Aber er antwortete nicht. Er sagte:
»Du weißt, mein Sturz auf die Erde ...Morgen wird es ein Jahr
sein ...«
Dann, nach einem Schweigen, sagte er noch:
»Ich war ganz in der Nähe heruntergefallen ...«
Und er errötete.
Wieder fühlte ich einen merkwürdigen Kummer, ohne zu wissen,
warum. Indessen kam mir eine Frage:
»Dann ist es kein Zufall, daß du am Morgen, da ich dich
kennenlernte, vor acht Tagen, so ganz allein, tausend Meilen von
allen bewohnten Gegenden entfernt, spazierengingst! Du kehrtest zu
dem Punkt zurück, wohin du gefallen warst?«
Der kleine Prinz errötete noch mehr.
Und ich fügte zögernd hinzu:
»Vielleicht war es der Jahrestag? ...«
Von neuem errötete der kleine Prinz. Er antwortete nie auf die
Fragen, aber wenn man errötet, so bedeutet das ,ja, nicht wahr?
»Ach«, sagte ich, »ich habe Angst!«
Aber er antwortete:
»Du mußt jetzt arbeiten. Du mußt wieder zu deiner Maschine
zurückkehren. Ich erwarte dich hier. Komm morgen abend wieder...«
Aber ich war nicht beruhigt. Ich erinnerte mich an den Fuchs. Man
läuft Gefahr, ein bißchen zu weinen, wenn man sich hat zähmen
lassen ...
 

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